Epochale Entdeckung

17. Nov 2020 | Wissenschaft

Kunststoffe verändern die Welt – seit hundert Jahren

1920: die schillernden „Roaring Twenties“ brechen an, ein Jahrzehnt zwischen Tradition und Moderne. Und ein 39 Jahre alter Chemieprofessor aus Deutschland veröffentlicht einen Artikel, der sich als epochemachend erweisen soll. Es ist etwas bis dahin absolut Unbekanntes, das Hermann Staudinger hier zum ersten Mal beschreibt: die Welt der Makromoleküle, riesige Verbände von Atomen.

Die Entdeckung vor hundert Jahren bringt Staudinger nicht nur den Chemie-Nobelpreis ein, sondern wird zur Geburtsstunde einer neuen Art von Materialien, die überaus vielseitig und äußerst nützlich sind. Die Rede ist von den Polymeren, landläufig Kunststoffen. Ob als Schaumstoff oder Folie, ob als Ausgangspunkt für Farben, Klebstoffe oder Kosmetika: Kunststoffe begleiten uns auf Schritt und Tritt. Das hat seinen Grund in den vielen guten Eigenschaften: Das Material ist besonders leicht, extrem robust, bestens formbar, sehr ressourceneffizient und vieles mehr. Ein Allrounder unter den Werkstoffen und daher praktisch in allen Lebensbereichen im Einsatz.

Leichte Autos, energiearme Häuser

Beispiel Verkehr: Kunststoffe machen Fahrzeuge nicht nur sicherer und schicker, sondern auch erheblich leichter, wodurch sie weniger Treibstoff verbrauchen. Und sie bringen die Elektromobilität voran – etwa als Bestandteil von Batteriegehäusen und Ladestationen. Beispiel Bauen: Kunststoffe dämmen Gebäude – eine der großen CO2-Quellen – gegen Hitze und Kälte; das spart Energie für Klimaanlage und Heizung. Die Liste ließe sich beliebig verlängern wie die Kette der Moleküle. Denn in vielen wichtigen Bereichen wird das Leben durch Polymere gesünder, geschützter, komfortabler und umweltverträglicher.

Hundert Jahre Kunststoffe – das ist eine Epoche voller Erfindungen und Neuerungen, die schnell bei den Verbrauchern ankommen und den Alltag verändern. Anfang der 60er Jahre etwa, als Kühlschränke mit Schaumstoff-Isolierung auf den Markt gelangen. Oder zwanzig Jahres später, als die CD Einzug hält und die ersten Autos mit Kunststoff-Scheinwerfern ausgestattet werden. Kurz – bei fast jeder Etappe im technologischen Fortschritt sind Kunststoffe im Spiel: Flachbildschirm, Wearable, Implantat, Solarzelle, 3D-Druck…  

Ziel: klimaneutrale Herstellung

Und Polymere werden immer umweltverträglicher hergestellt. Als Langfristziel steuert die Branche Klimaneutralität an. Dazu soll zum Beispiel Erdöl, der herkömmliche Rohstoff, durch nachhaltige Ressourcen ersetzt werden: Biomasse ist dazu geeignet, sogar CO2 kann das Element Kohlenstoff liefern, das man zur Kunststoffproduktion braucht. Vor allem aber muss viel mehr Plastikmüll als Sekundärrohstoff genutzt werden.

Wiederverwertung und überhaupt besseres Abfallmanagement – das ist auch einer der  Schlüssel zur Bekämpfung der Umweltverschmutzung durch Kunststoffe. Die Polymerwirtschaft setzt sich gemeinsam mit vielen anderen Branchen engagiert dafür ein, dieses globale Problem zu lösen. Und arbeitet gleichzeitig daran, dass hundert Jahre Kunststoffe erst der Anfang einer unendlichen Geschichte sind.